Kleiner Tigerin bisiklete ihtiyac  var}

(Foto: Kulturzentrum Schlachthof, Kassel)

Kleiner Tigerin bisiklete ihtiyac var

von Marianne Schoppan, Puppentheater Marianne Schoppan

Bilinguales Puppentheater deutsch und türkisch

Im Herbst 2004 wurde ich gefragt, ob ich bei einer Fachtagung des Zentrums für Lehrerbildung zum Thema „Frühe Sprachförderung in Kindergärten und Vorlaufkursen“ an der Kasseler Universität eine Puppentheaterszene in zwei Sprachen aufführen könnte. Gerne habe ich zugesagt und begonnen, meine alten Kenntnisse wieder aufzufrischen.

Vorgeschichte
Nach meinem Abschluss in Sozialpädagogik an der PH Berlin arbeitete ich von 1977 bis 1982 in einem deutsch-türkischen Kinderklub in Berlin-Kreuzberg.
In diese Zeit fällt meine „türkische Sozialisation“: Ich lernte die türkische Kultur kennen und schätzen, reiste viel in die Türkei, erlernte die türkische Sprache zumindest in Ansätzen und verbrachte viel Zeit mit meinen türkischen Bekannten und Freundinnen. Wichtig war dabei für mich nicht allein mein Kontakt zu den oft aus Anatolien stammenden Gastarbeiterfamilien, sondern die Auseinandersetzung mit meinen selbstbewussten türkischen Freunden, Lehrern, Sozialarbeitern, Akademikern, die mein eurozentristisches Weltbild ziemlich ins Schwanken brachten.
1983 zog ich um nach Nordhessen, und mein Leben als Puppenspielerin begann. Die türkische Szene gab es dort nicht mehr, und die Freundschaften in Berlin begannen zu bröckeln. Und dann, nach über 20 Jahren, stieg ich wieder ein.
Die kleine zweisprachige Szene auf der Tagung in Kassel wurde begeistert aufgenommen und es bestand großes Interesse für ein deutsch-türkisches Puppentheaterstück bei Erziehern, Lehrern und Sozialpädagogen. Und ich hatte große Lust weiterzumachen.

Konzept
Deutschland ist ein Einwanderungsland. In unserer Gesellschaft gehören unterschiedliche Sprachen zum Alltag, nicht nur in der Familie, auch auf dem Spielplatz, in der U-Bahn und auf dem Sportplatz. Eine unterschiedliche sprachliche Herkunft der Kinder in Kindergarten und Schule ist in Deutschland zum Alltag geworden. Dieser Alltag soll sich in meinen zweisprachigen Stücken widerspiegeln.
Die türkischen Kinder sollen spüren, dass sie keine Außenseiter sind, dass auch ihre Kultur und Sprache dazugehören. Indem sie ihre Sprache als Teil ihrer Identität erleben, wird ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Beinahe ebenso wichtig erscheint mir, dass auch die deutschen Kinder den Gebrauch der türkischen Sprache im Theaterstück als Wertschätzung der fremden Kultur erfahren.

Vor diesem Hintergrund habe ich ein bestehendes Stück „Der kleine Tiger braucht ein Fahrrad“ in eine deutsch-türkische Version umgearbeitet. In dieser Inszenierung geht es um das Bedürfnis von Kindern, die Welt zu erobern - oder zumindest ihre nähere Umgebung - trotz aller Gefahren und Hindernissen. Diese Situation ist für alle Kinder gleich. Und alle bangen mit dem kleinen Tiger, wenn er schwierige und gefährliche Situationen bewältigen muss.

In Zusammenarbeit mit einer türkischen Dolmetscherin wurden die türkischen Textpassagen erarbeitet. Der Sprechtext wurde nicht als Ganzes übersetzt, sondern
- die Kernsätze, die zum Verstehen des Inhaltes unabdingbar sind, werden auf Türkisch gesprochen;
- Ausrufe, Begrüßungen und Gefühlsäußerungen, die als emotionale Verstärkung dienen sollen, werden übersetzt.

Die zwei Sprachen im Stück wurden so miteinander verzahnt, dass die Zuschauer die verschiedenen Sprachen nicht als störend wahrnehmen, sondern so, dass sie meinen, alles zu verstehen.
Wenn zum Beispiel der kleine Bär zum kleinen Tiger sagt: „Bu çok tehlikeli!“, antwortet der kleine Tiger: „Nein, das ist nicht gefährlich.“ Und jeder weiß, was gemeint ist.

Nach diesem Konzept ist in Kooperation mit dem Kulturzentrum Schlachthof in Kassel, das viele Projekte im interkulturellen Bereich organisiert, auch ein zweisprachiges Stück zur Zahnprophylaxe entstanden. Und momentan arbeite ich an der zweisprachigen Version der Inszenierung „Hexenwinter“.

Erfahrungen
Ich erlebe immer wieder, dass die türkischstämmigen Zuschauer viel Spaß an den Aufführungen haben. Diejenigen, die kein oder nur sehr wenig deutsch können, verstehen die Geschichte trotzdem und verfolgen die Aufführung genauso begeistert wie alle anderen. Meist sind das sehr kleine Kinder, aber noch häufiger Mütter, die aus einem traditionellen Milieu stammen. Oft sind sie das erste Mal in einem Theaterstück und kommen dann danach zu mir, um sich auf Türkisch zu bedanken.
Und all jene, die gut deutsch verstehen, amüsieren sich köstlich über die Dialoge, in denen die eine Figur deutsch und die andere türkisch spricht, und sind in dem Moment sogar einmal den Deutschen überlegen, die „nur“ bei den deutschen Witzen lachen können.
Vor der Aufführung begrüße ich die türkischen Zuschauer und spreche mit ihnen auf Türkisch. Dabei zeige ich auch den kleinen Tiger und frage, wer das ist. Nicht immer kennen die Kinder den türkischen Namen für Tiger, aber ihre Mütter kennen ihn auf alle Fälle. Und dann erst leise, auf Nachfrage aber laut und deutlich klären sie alle auf, dass dieses Tier auf Türkisch „kaplan“ heißt. Ich habe dann das Gefühl, dass diese Frauen auf einmal in der ganz seltenen Situation sind, dass sie in der Öffentlichkeit mehr wissen als alle anderen, mehr auch als die deutschen Erwachsenen.

Wie sehr die Kinder sich mit den Figuren identifizieren, merke ich immer dann, wenn sie dem kleinen Tiger ihre Ratschläge auf Türkisch geben. Das ist dann nicht so einfach. Aber da muss der kleine Tiger sich halt durchbeißen.

Bei den Aufführungen in multikulturellen Einrichtungen kommen nach der Aufführung öfters serbische, russische, auf jeden Fall nicht deutsch sprechende Eltern zu mir und bitten mich, auch einmal in ihrer Sprache ein Theaterstück zu machen.
Dies habe ich bei meiner Inszenierung „Nilo hat Zahnschmerzen“ aufgegriffen, in der ich ein paar Sätze noch in anderen Sprachen spreche. Ich bin immer wieder verblüfft, welche Freude diese drei Sätze „Guten Tag! Ich bin der Zahnarzt. Wie heißt denn du?“ bei den entsprechenden Kindern auslösen.

Anfangs war ich sehr erstaunt, welche Irritationen ich auslöste, wenn ich die türkischen Zuschauer auf Türkisch begrüßte. Ein Kichern und Prusten setzte dann ein, das mich erst einmal ziemlich verunsichert hat. Ich dachte, meine Aussprache sei so unmöglich, dass man nur darüber lachen kann. Inzwischen weiß ich, dass es für die türkischen Kinder etwas völlig Ungewohntes ist, wenn da eine Deutsche plötzlich türkisch mit einem sehr seltsamen Akzent spricht.
Anders als in Deutschland, wo man gewohnt ist, dass Menschen aus anderen Kulturen hier leben und deutsch mit Akzent sprechen, gibt es umgekehrt nur wenige Nichttürken, die die türkische Sprache lernen.

Eine Bemerkung noch zur Theaterkultur, also Werbung, Pünktlichkeit, Verhalten im Theater. Das funktioniert in anderen Kulturen nicht auf die gleiche Weise.
So war eine Büchereileiterin ganz aufgeregt, da sie zu den Puppentheatertagen als besonderes Highlight ein zweisprachiges Theater eingeladen hat, und nun gab es trotz vieler Plakate und Handzettel viel weniger Vorbestellungen als sonst. Der türkische Hausmeister hatte zwar gesagt, dass er die Information an seine Bekannten weitergibt, aber es schien nicht zu fruchten.
Bis zehn Minuten vor Beginn der Vorstellung tat sich nicht viel. Aber dann strömten die türkischen Zuschauer nur so in den Saal, allerdings bis zehn Minuten nach Beginn, fröhlich und gut gelaunt. Für sie machte es keinen Sinn, dass die Aufführung um Punkt 15.00 Uhr beginnen soll.
Auf Nachfrage hatte die Mund-zu-Mund-Propaganda des Hausmeisters jedenfalls viel mehr bewirkt als alle schriftliche Werbung.
Natürlich ist mir bewusst, dass es die Türken in Deutschland nicht gibt, sondern dass sie eine sehr heterogene Gruppe sind. Trotzdem bin ich in einer Moschee ganz baff. Selten ist mir eine Gruppe von so selbstbewussten attraktiven türkischen Frauen begegnet, sehr gut deutsch sprechend und sozial engagiert für ihre Landsleute.

Es macht mir immer wieder viel Spaß, die große Freude der türkischen Zuschauer zu erleben, wenn sie ihre Muttersprache hören, aber auch die beschriebenen Irritationen und Verunsicherungen auf deutscher und türkischer Seite mitzubekommen. Und immer wieder bin ich neugierig auf die nächste Aufführung.

erschienen in Puppen, Menschen & Objekte, Ausgabe 2007/1